FILME ALS ANLIEGEN
Fernsehen kritisch
Ein Mensch hinter Gittern. Ein Mörder, als Kind vom Stiefvater und vom Schicksal geprügelt, findet im Gefängnis zu seiner Schuld, nimmt sie auf sich und verarbeitet sie, unterstützt und gehalten von einer Frau, die beim "Lebenslänglichen" ihre Liebe findet. "Menschen unter uns. Eiszeit. Schmelzversuche", so heißt der lapidare Titel, den Heidi und Bernd Umbreit ihrer suggestiven Reportage gegeben haben. Wie kann das Eis geschmolzen werden? Nur im Kopf, nur durch die Kraft der Gedanken und Worte, die dem eigenen Leben auf die Spur kommen. Klaus H., der zwölf Jahre abgesessen hat, gewinnt einen Literaturpreis und mehr noch, er gewinnt die innere Sicherheit, über alles frei und genau sprechen zu können. Ebenso Mechthild. Selbst die Gefängnismauern und Gitterstäbe sprechen ihre Sprache. Diese fast exemplarische "Bewältigung von Vergangenheit", die nur aus Leiden möglich ist, geht unter die Haut. Vielleicht ist das Pathos gelegentlich zu dick aufgetragen. Dennoch ist jedes Medium dann unschlagbar, wenn es seine spezifischen Vorzüge ausspielt. So wie hier das Fernsehen, da es die Menschwerdung eines Mörders an den Gesichtern ablesen läßt.
Stuttgarter Zeitung
Eiszeit