FILME ALS ANLIEGEN


Macht und Ohnmacht

Ein Blick in die Zukunft - bald selbstverständliche Gegenwart? Ein Pfarrer muß mehrere Gemeinden betreuen. Ein Beispiel aus Baden-Würtemberg, aufgespürt vom Südwestfunk, ausgestrahlt vom West3-Fernsehen: Vier Pfarreien müssen mit einem Pfarrer zurechtkommen, für viele Gemeindemitglieder der Anfang vom Ende. "Die Herde geht auseinander." Der Pfarrer sieht die Schwierigkeiten, aber auch die Möglichkeiten. Die Restaurierungsarbeiten an einem der Gotteshäuser liefern ihm die Erklärung für sein Konzept: "Jede Mauer, die eingebrochen ist, wird wieder aufgebaut. Wir können neu bauen." Diesen Neubau beginnt der Pfarrer in seinen vier Gemeinden. Und siehe da, er findet Mitarbeiter im Pfarrgemeinderat, Männer, Frauen ("Sie sind ja nicht nur zum Putzen da") und Jugendliche. Der Pfarrgemeinderat wird zum Ort des regelmäßigen Austauschs von Erfahrungen und Anregungen. Die Laien übernehmen selbstständig Aufgaben bei der Vorbereitung der Liturgie, für die Jugendarbeit, in einem Seniorenwerk, in einer ortspolitischen Gruppe. Es mangelt nicht an gutem Willen. Und der Pfarrer? In seiner Alltagsarbeit erfährt er seine "Macht", denn er hat das letzte Wort. Aber er ist sich darüber klar, mißbrauchen darf er sie nicht. Und er erfährt seine "Ohnmacht" auch dann, wenn er einen Pfarrangehörigen zu Grabe tragen muß. Doch der Pfarrer ist nicht allein. Ihm stehen ein Kaplan, ein Diakon und ein Pastoralreferent zur Seite. Und auch dieses Team hat das Gesamtpaket seiner Aufgaben zweckmäßig untereinander aufgeteilt. Die Praxis der Arbeit in den vier Gemeinden zeigt immer wieder Lücken im Konzept. So muß in jeder Gemeinde ein Ansprechpartner - wenigstens zu bestimmten Zeiten - anwesend sein. So brauchen die Laien, die bestimmte seelsorgerliche Aufgaben übernommen haben, Anleitung. So dürfen die Gemeindemitglieder, die früher nur ihren Pastor gekannt haben, mit der neuen Situation vertraut werden. Keine Reportage kommt ohne das erklärende Wort aus. Der Film von Heidi und Bernd Umbreit verstand es jedoch, dem Auge weithin ansprechende Bilder anzubieten, eine zusätzliche Aussageebene. So wird auch etwas vom Umfeld in den Gemeinden deutlich. Insgesamt könnte die Bildreportage so etwas wie ein Lehrfilm für Gemeinden sein, die - von geringer Priesterzahl betroffen - zusammengeführt werden müssen.
(W. Bettecken)

Ruhrwort Essen (11.3.98)


Der geteilte Pfarrer